Otterzentrum Hankensbüttel
Deutsche Fischotter Stiftung
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ISOS

Otter-Vorkommen

„Fischotter gehören zu den bedrohtesten Säugetierarten in Mitteleuropa". Diese Aussage ist allerorten zu finden. Doch worauf fußt diese Feststellung?



In der Vergangenheit wurde der Bestand bzw. die Verbreitung des Fischotters überwiegend über die Auswertung von Jagdstrecken, die Befragung von Experten oder die Verteilung von Fragebögen sowie die Sammlung von Zufallsfunden eingeschätzt. Heute wissen wir, dass die damit erzielten Ergebnisse wenig glaubwürdig sind (REUTHER 1993).



Jagdstrecken drücken im allgemeinen lediglich die Anzahl der erlegten Tiere aus. Faktoren, die den Jagderfolg beeinflusst haben könnten, wie z.B. die Jagdintensität, die Jagdmethoden oder die Erfahrung der Jäger, werden dabei nicht berücksichtigt. Das Beispiel der zwischen 1882 und 1913 in der ehemaligen Provinz Hannover gezahlten Prämien für die Erlegung von Ottern macht diese Problematik deutlich (REUTHER 1980a). Der in Abb. 1 dargestellte Kurvenverlauf erweckt den Eindruck, als habe es jeweils nach 1885 und 1910 einen Einbruch in der Otterpopulation gegeben, denn die Anzahl der Prämienzahlungen nahm drastisch ab. Ein Blick hinter die Kulissen verrät jedoch, dass ab 1886/87 die Höhe der für einen getöteten Otter gezahlten Prämien um ein Drittel gekürzt wurde und ab 1911 die Prämienzahlungen völlig eingestellt wurden. Daher erscheint es sehr wahrscheinlich, dass die Verringerung der Otter-Jagdstrecke nicht vorrangig oder ausschließlich durch einen Rückgang des Otters bedingt war, sondern auch oder überwiegend durch die Reduzierung der Prämien verursacht wurde. Insofern ist diese Datengrundlage wenig geeignet, den Zustand der Otterpopulation einzuschätzen.

Abb. 1: Anzahl der Prämienzahlungen für in der Provinz Hannover im Zeitraum 1882 - 1913 getötete Fischotter (aus: REUTHER 1980a)

Aussagefähiger sind da schon Jagdstrecken, wie die der Otterhund-Meuten in Großbritannien, die neben der Anzahl der gefundenen Otter auch die Anzahl der Jagdtage angeben (Abb. 2). Damit kann zumindest eine Relation zwischen Jagdintensität und Jagderfolg hergestellt werden. Der sich daraus ergebende Verlauf vermittelt zwar auch keinen eindeutigen, aber zumindest einen etwas genaueren Eindruck von der Situation der Otterpopulation.

Abb. 2: Jagderfolg von sechs Otterhund-Meuten im südlichen Großbritannien in Relation zur Anzahl der Jagdtage (aus: CHANIN und JEFFERIES 1978)

Umfragen, beispielsweise bei sogenannten "Experten" oder per Fragebögen, sind ebenfalls außerordentlich problematisch. So wurde im Rahmen einer Umfrage auf europäischer Ebene Ende der 1970er Jahre aus Portugal mitgeteilt, dass dort der Fischotter vollständig ausgestorben sei (REUTHER 1980b). Heute wissen wir, dass der Otter in Portugal flächendeckend vorkommt (TRINDADE et al. 1998). Ein anderes Beispiel lieferte eine von HEIDEMANN (1974) durchgeführte Umfrage bei Jägern in Schleswig-Holstein. Sie erbrachte Schätzzahlen für den Otterbestand, die teilweise um den Faktor zehn für ein und dasselbe Gebiet voneinander abwichen.

Doch nicht allein das Problem falscher - und in der Praxis unmöglicher - zahlenmäßiger Einschätzungen des Otterbestandes macht solche Umfragen wenig glaubwürdig. Auch die dabei zumeist vorgenommene Kategorisierung steht bei genauerer Betrachtung auf sehr tönernen Füßen. Welches sind die Parameter, anhand derer - verlässlich und vergleichbar - Einschätzungen wie "Sehr selten", "Selten", "Verbreitet", "Häufig" usw. (siehe Abb. 3) definiert und gegeneinander abgegrenzt werden können? Eine Antwort auf diese Frage bleiben die meisten Darstellungen zur Otterverbreitung schuldig.

Abb. 3: Verbreitung des Otters in Europa Ende der 1980er Jahre auf der Basis von Expertenbefragungen (nach: MACDONALD und MASON 1990)

Wie problematisch die Verwendung von Daten sein kann, die aus Quellen stammen, deren Erfahrungshintergrund nicht bekannt ist, zeigte eine Untersuchung von REUTHER (1993), der 185 ihm gemeldete „Otternachweise" überprüfte. Kaum jeder zehnte erwies sich dabei als zutreffend. 91 % der Meldungen entpuppten sich bei genauerer Überprüfung als Nachweise anderer Tierarten (Tab. 1).

NachweisnFisch-
otter
BisamWasch-
bär
MinkHundKatzeAndere
Säuger
Tote Tiere4121
Tierphotos151122
Spurenphotos858261429915
Kotphotos272317
Kot5444433
Total185164714891065
%100925845535

Tab. 1: Ergebnis einer Überprüfung von „Fischotter-Nachweisen" aus Niedersachsen von Personen mit unbekanntem Erfahrungshintergrund (aus: REUTHER 1993)

Dieses Problem wirkt sich natürlich auch auf Verbreitungskarten aus, die auf der Grundlage von mehr oder weniger zufällig zusammengetragenen Beobachtungen erstellt werden. Neben der Glaubwürdigkeit der Einzeldaten sind solche Darstellungen zudem mit der Frage behaftet, wie aussagefähig die zufällige Verteilung dieser Daten ist. Ein typisches Beispiel ist die vom Niedersächsischen Landesamt für Ökologie veröffentlichte Karte der Otternachweise für dieses Bundesland aus dem Zeitraum 1981-1990 (Abb. 4). Auf den ersten Blick vermittelt sie den Eindruck, dass die Bereiche Ostfriesland und Wümmeniederung zu den herausragenden Vorkommensarealen des Otters in Niedersachsen gehören. Ein Blick hinter die Kulissen verrät jedoch, dass in diesem Zeitraum in Ostfriesland bzw. in der Wümmeniederung Untersuchungen für eine Diplom- bzw. Doktorarbeit zum Thema Fischotter durchgeführt wurden, und diese Gebiete daher besonders intensiv überprüft worden waren. In anderen Gebieten hatte dagegen niemand systematisch nach Otterspuren geschaut. Insofern drückt die Karte eher die Intensität der Suche nach Otterspuren aus, als die tatsächliche Verbreitung des Otters (BINNER und REUTHER 1996).

Abb. 4: Otternachweise und -hinweise für Niedersachsen aus dem Zeitraum 1981-1990. In den grau unterlegten Gebieten wurden in diesem Zeitraum spezielle Untersuchungen durchgeführt (aus: BINNER und REUTHER 1996)

Diese methodischen Probleme veranlassten Ende der 1970er Jahre englische Naturschützer nach einer Methode zu suchen, mittels derer verlässliche und vergleichbare Aussagen zur Situation der Otterpopulation gemacht werden können.

Literatur:

BINNER, U.; REUTHER, C. (1996): Verbreitung und aktuelle Situation des Fischotters in Niedersachsen. Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen 16(1): 3-29.

CHANIN, P.R.F.; JEFFERIES, D.J. (1978): The decline of the otter Lutra lutra in Britain: An analysis of hunting records and discussion of causes. Biological Journal of the Linnean Society 10(3): 305-328.

HEIDEMANN, G. (1974): Über den Bestand des Fischotters (Lutra lutra L.) in Schleswig-Holstein. Zoologischer Anzeiger Jena 192(3/4): 212-221.

MACDONALD, S; MASON, C. (1990): Action Plan for European Otters. - S. 29 in: FOSTER-TURLEY, P.; MACDONALD, S.; MASON, C. (Hrsg.): Otters - An Action Plan for their Conservation. IUCN, Gland, 125 S.

REUTHER, C. (1980a): Der Fischotter, Lutra lutra L. in Niedersachsen. Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen, Nr. 11, Hannover, 182 S.

REUTHER, C. (1980b): Zur Situation des Fischotters in Europa. S. 71-92 in: REUTHER,C.; FESTETICS, A. (Hrsg.): Der Fischotter in Europa - Verbreitung, Bedrohung, Erhaltung. Aktion Fischotterschutz, Oderhaus, 288 S.

REUTHER, C. (1993): Kann man Fischotter zählen? Natur und Landschaft 68(4): 160-164.

TRINDADE, A.; FARINHA, N.; FLORÊNCIO, E. (1998): A Distribuição da Lontra (Lutra lutra) em Portugal, Situação em 1995.Estudos de Biologia e Conservação da Natureza, 28, Lisboa, 138 S.

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